Die Geschichte des Roten Kreuzes (1859 bis 1871)

Ein grausames Ereignis steht am Anfang einer großen Hilfsorganisation.

Die Anfänge des Roten Kreuzes

Im Jahre 1859 tobte in Italien der Unabhängigkeitskrieg zwischen den österreichischen Besatzern und den verbündeten Streitkräften von Piemont-Sardinien und Frankreich. Am 24. Juni fand bei Solferino nahe dem Gardasee die Entscheidungsschlacht statt, an welcher über dreihunderttausend Soldaten beider Seiten teilnahmen.

Henry Dunant (1828-1910), ein Schweizer Kaufmann, der zufällig als Tourist durch die Lombardei reiste, wurde Zeuge dieser Schlacht. Für die mehreren zehntausend Schwerverwundeten gab es in der damaligen Zeit kaum planvolle Versorgung. Aufgewühlt durch das unendliche Leid, das er sah, fühlte Henry Dunant sich moralisch dazu verpflichtet, Hilfe zu leisten, um das Elend zu mildern. Zusammen mit Einheimischen pflegte er unabhängig von deren Nationalität und Religion Verwundete.

Henry Dunant beschreibt seine Eindrücke in „Eine Erinnerung an Solferino“ wie folgt:

„Es ist ein Kampf Mann gegen Mann, ein entsetzlicher, schrecklicher Kampf. Österreicher und alliierte Soldaten treten sich gegenseitig unter die Füße, machen einander mit Kolbenschlägen nieder, zerschmettern dem Gegner den Schädel, schlitzen einer dem anderen mit Säbel oder Bajonett den Bauch auf. Es gibt keinen Pardon. Es ist ein allgemeines Schlachten, ein Kampf wilder, wütender, blutdürstiger Tiere. Selbst die Verwundeten verteidigen sich bis zum letzten Augenblick. Wer keine Waffen hat, packt den Gegner und zerreißt ihm die Gurgel mit den Zähnen…

Die Pferde zertreten mit ihren beschlagenen Hufen Tote und Verwundete. Einem armen
Blessierten wird die Kinnlade fortgerissen, einem anderen der Kopf eingeschlagen, einem dritten, den man hätte retten können, die Brust eingedrückt…

Was für Todeskämpfe, was für leidvolle Szenen spielen sich in diesen Tagen des 25., 26. und 27. Juni ab! Die Wunden sind durch Hitze und Staub, durch Mangel an Wasser und Pflege entzündet, und so werden die Schmerzen immer stärker…

Auf den steinernen Fliesen der Spitäler und Kirchen von Castiglione liegen Seite an Seite Kranke aller Nationen…

Die Frauen von Castiglione erkennen bald, daß es für mich keinen Unterschied der Nationalität gibt, und so folgen sie meinem Beispiel und lassen allen Soldaten, die ihnen völlig fremd sind, das gleiche Wohlwollen zuteil werden…

Das Gefühl, so außerordentlichen und schwerwiegenden Verhältnissen nahezu hilflos gegenüberzustehen, bedeutet eine unnennbare Qual. Es ist wirklich peinvoll, denjenigen, die man unter den Händen hat, keine Linderung verschaffen zu können…

Gibt es während einer Zeit der Ruhe und des Friedens kein Mittel, um Hilfsorganisationen zu grün­den, deren Ziel es sein müßte, die Verwundeten in Kriegszeiten durch begeisterte, aufopfernde Freiwillige, die für ein solches Werk besonders geeignet sind, pflegen zu lassen?“

In den folgenden Jahren opferte Henry Dunant seine Arbeitskraft und Teile seines Vermögens, um die Staaten zu einem Abkommen zu bewegen, dessen Inhalt Schutz und Versorgung von Verwunde­ten garantiert. Im Jahre 1864 wird als Ergebnis der Arbeit Dunants in Genf das sogenannte „Erste Genfer Abkommen“ von zwölf europäischen Staaten unterzeichnet. „Von jetzt an sollte das Zeichen des Roten Kreuzes Krankenhäuser, Lazarette, Ärzte, Sanitäter und Verwundete vor Kriegshandlungen schützen.“